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Thüringer Museum für Elektrotechnik
e.V.
Das technisch-kulturelle Erbe Thüringens

Streng Geheim - Die Arnstädter Fernsehentwicklung

Von Norbert Sträßer (Marlishausen) und Stephan Hloucal (Erfurt)

Inhalt

Vorgeschichte

Wohl kaum einem Thüringer dürfte bekannt sein, dass nach dem Krieg trotz eines von den Alliierten verhängten generellen "Fernsehverbots", dennoch in Arnstadt Fernsehempfänger entwickelt und gebaut wurden. Um auf die Fernsehgeräteentwicklung in Arnstadt 1946 - 48 näher eingehen zu können, muß man bis zum Jahr 1936 zurückblicken.

In diesem Jahr, als in der Reichshauptstadt Berlin schon ein regelmäßiges Fernsehprogramm, teilweise bereits vollelektronisch auf Sender- und Empfangsseite übertragen wurde, arbeitete eine spezielle Gruppe von Entwicklungsingenieuren der Fernseh A.G. auch an der Anwendung dieser neuen Technik für militärische Zwecke. Neben der Entwicklung von Heim-Fernsehempfängern, so z.B. des Fernseh- Kleinempfängers DE 7 R (1938), beschäftigte man sich schon im Rahmen der Kriegsvorbereitungen mit der Entwicklung einer geheimen V-Waffe.

Fernsehkamera Tonne der Fernseh A.G., 1940 - 1944
Fernsehkamera "Tonne" der Fernseh A.G., 1940 - 1944

Eine fernlenkbare Rakete mit eingebauter Spezialoptik sollte von einer Bodenstation aus mit Hilfe der Zielbildübertragung direkt auf das anvisierte Ziel gelenkt werden können. Zu diesem Zwecke wurde die sehr kompakte Fernsehkamera "Tonne" mit den Abmessungen 17 x 17 x 40 cm konstruiert, in der sämtliche Hilfsgeräte, wie Taktgeber, Kippgerät und Videoverstärker untergebracht waren. Das vom verwendeten Ikonoskop Typ IS 9 erzeugte Bild wurde bei einem Bildwechsel von 25 Hz mit 441 Zeilen abgetastet. Der eigens dafür entwickelte Empfänger "Seedorf" verfügte über eine 13 cm Bildröhre und hatte mit 16 x 16 x 40 cm die gleichen Abmessungen.

Da die Gefahr für eine derartige geheime Entwicklung während des Kriegsverlaufes mitten in Berlin immer größer wurde, verlagerte die Fernseh A.G. im August 1943 diese Entwicklungsstelle in das damals sudetendeutsche Tannwald (heute Tschechien). Dort wurden die Entwicklungsarbeiten beendet und die Steuerköpfe bereits in Serie hergestellt. Zu einem Einsatz kam es allerdings nicht mehr.

Parallel dazu beteiligte sich die Fernseh A.G. an der Gemeinschaftsentwicklung des Einheitsfernsehers E1, der dem DE 7 R sehr ähnlich war.

Von Tannwald nach Arnstadt

Im April 1945 wurde Tannwald von sowjetischen Truppen befreit und der Betrieb besetzt.

Unter Kontrolle des sowjetischen Militärs begann eine genaue Bestandsaufnahme der Gerätschaften und Maschinen. Diese wurden in zwei Kategorien eingeteilt. Alles, was militärischen Charakter trug, wurde verpackt und für den Abtransport in die UdSSR vorbereitet. Alles, was aber für ein ziviles Fernsehen verwendbar war, wurde bis Februar 1946 in Tannwald gelagert und sorgfältig in Waggons verpackt.

Ab 31.05.1945 wurde der Betrieb wieder in tschechoslowakisches Eigentum überführt. Die beschlagnahmten Gerätschaften und Materialien der ehemaligen Fernseh A.G. sollten in die sowjetische Besatzungszone gebracht werden und in einem SAG- Betrieb zur Entwicklung eines Heimfernsehgerätes verwendet werden. Die Belegschaft, die mit der Fernsehentwicklung zu tun hatte, sollte mit in diesen Betrieb überführt werden.

Als Belobigung für gute Mitarbeit bei der Bestandsaufnahme und Demontage durften einige Familien mit ihrem gesamten Mobiliar übersiedeln. Für je 4 Familien wurde dazu ein Eisenbahnwaggon zur Verfügung gestellt. Ende Februar 1946 setzte sich der Zug mit Materialien, Maschinen und ungefähr 40 Mann Belegschaft nebst ihren Familienangehörigen in Richtung Thüringen in Bewegung.

Warum das Ziel ausgerechnet Arnstadt war, konnte nicht genau ergründet werden. Nahe liegend für diese Entscheidung dürfte die vorhandene Erfahrung der Siemens - Belegschaft bei der Konstruktion und Produktion von Rundfunkgeräten, das vorhandene Materiallager im Arnstädter Wernerwerk, sowie die relativ günstige Verkehrslage zu den anderen Besatzungszonen gewesen sein. Ab März 1946 wurde dann in Arnstadt begonnen das Werk mit allen Maschinen und Materialien auszurüsten die für eine Heimfernsehgeräte - Entwicklung notwendig waren.

Bei den Arnstädtern selbst gab es natürlich böses Blut, da die "Tannwälder", wie sie genannt wurden, von den sowjetischen Offizieren sehr bevorzugt wurden und auch befehlsmäßig Wohnraum für sie "geschaffen" wurde.

Die Röhren

In den folgenden Monaten wurde aus allen Besatzungszonen die für die Entwicklung notwendigen Materialien zusammengeholt. Teilweise geschah dies mit einem alten DKW. Da keine Bildröhren vorhanden waren, mussten neue Typen quasi aus dem Nichts entwickelt werden.

Zu diesem Zweck wurden in llmenau die Röhrenkolben geblasen und in Arnstadt in einer separaten Hochvakuumabteilung mit der Leuchtschicht und dem selbst entwickelten Kathodenstrahlsystem versehen und evakuiert.

Braunsche Röhren RB 3 mit rundem und RB 4 mit rechteckigem Bildschirm
Braunsche Röhren RB 3 mit rundem und RB 4 mit rechteckigem Bildschirm

Augenzeugenberichten zufolge dauerte es mehrere Monate, bis verwertbare Röhren gefertigt werden konnten. Es handelte sich um zwei Typen: ein "Braunsches Rohr" Typ RB 3 mit rundem Bildschirm 20 x 15 cm und ein Typ RB 4 mit rechteckigem Kolben und einer Bildfläche von 22,8 x 17,1 cm.

Das System der Bildröhre besaß eine indirekt geheizte Kathode und einen Wehneltzylinder. Die Ablenkung erfolgte bereits elektromagnetisch und die Hochspannung von 6 kV wurde auch schon aus dem Zeilenkippgerät gewonnen. Als Röhrenbestückung wurden bis auf eine EZ 12 für einen der drei Netzgleichrichter und die RFG 5 als Hochspannungsventil, sowjetische Oktalröhren verwendet.

Bei den Leistungsröhren für die Zeilen- und Bildablenkung gab es Probleme, da die Leistung der anfänglich verwendeten ES 111 nicht ausreichte. Deshalb entwickelten die Arnstädter Ingenieure eine weitere neue Röhre, die direkt geheizt wurde und eine größere Anodenverlustleistung aufwies. Diese RF 1 (Röhre Fernsehen 1), welche einen Stahlröhrensockel erhielt ansonsten aber wie die P 35 aussah, ist in keinem Datenblatt oder Röhrentaschenbuch zu finden.

Der Fernsehempfänger EFu T1

Gesamtaufbau des Chassis von vorne
Gesamtaufbau des Chassis von vorne

Der Fernsehempfänger bestand aus drei getrennten Chassis.

Das Netzteil mit zwei Trafos und drei Gleichrichterröhren fand auf dem ersten Chassis Platz.

Das zweite nahm den gesamten Empfangs- und Verstärkerteil auf, der von den ehemaligen Radiokonstrukteuren des Wernerwerks entwickelt wurde.

Das dritte Chassis war fest mit der Haltevorrichtung für die Bildröhre verbunden und beinhaltete den gesamten Kippteil, der von den "Tannwälder Fernsehleuten" mit Zeilentrafo und Ablenkspulen völlig neu entwickelt wurde.

Jedes der drei Chassis war allein bei entsprechender Spannungszuführung funktionsfähig. Untereinander waren die Chassis durch Steckerleisten verbunden.

Es gab vier Gerätetypen: EFu T1 a ... h, die sich einerseits durch die verwendete Bildröhre und andererseits durch die verwendete Zeilennorm, 441 oder 625 Zeilen, unterschieden. Die Typen EFu T1 a ...d hatten dieselben Unterscheidungsmerkmale, arbeiteten aber noch mit der Kippröhre ES 111 und einem anderen Zeilentransformator.

Die Bezeichnung EF. . .1 dürfte für "Entwicklung Fernsehen Nr. 1" stehen. Diese Bezeichnungsweise war eine logische Fortführung der Arnstädter Siemens- Rundfunkentwicklungen, denn der Rundfunkempfänger S 523 wurde z.B. auf den Zeichnungsunterlagen als ER 9 "Entwicklung Rundfunk Nr. 9" bezeichnet. Das T deutet auf das russische Wort "Televisor" für Fernsehempfänger hin.

Die Bildübertragung des Fernsehgerätes arbeitete amplitudenmoduliert auf einer Trägerfrequenz von 49,75 MHz, mit einer Bandbreite von 4,75 MHz. Die Geräte waren von 48 bis 50 MHz abstimmbar. Der Tonbegleitsender arbeitete frequenzmoduliert auf 57,25 MHz. Die Eingangsempfindlichkeit betrug 200 mV.

Im Keller des Betriebes wurde von der sowjetischen Leitung ein Kino eingerichtet, in dem alte deutsche Filme vorgeführt wurden. Für Testübertragungen wurde ein Ikonoskop neu entwickelt und nach anfänglichen Fehlschlägen für die Übertragung der Filme verwendet. Das gewonnene Videosignal wurde per Kabel durch das Werk in die Fernsehgerätetestabteilung geleitet.

Nach Augenzeugenberichten haben sich oft nach Dienstschluß am Abend sowjetische Offiziere diese Filme mit den neuen Fernsehgeräten angeschaut. Ebenso von drahtlosen Übertragungen feststehender Testbilder ist berichtet worden.

Streng Geheim !

Vorderansicht des Fernsehempfängers EFu T1 mit Bedienknöpfen
Vorderansicht des Fernsehempfängers EFu T1 mit Bedienknöpfen.

Ende 1947 war der erste Fernsehempfänger fertig und konnte zusammen mit den Entwicklungsunterlagen der sowjetischen Werkleitung übergeben werden. Ungefähr 1000 Fernsehgeräte sind von Ende 1947 bis Anfang 1948 an den Montagebändern gefertigt worden.

Die Produktion war streng geheim und nur wenige hatten freien Zutritt zu diesen Abteilungen. Ein Viertel der gesamten Belegschaft, ca. 200 Beschäftigte, arbeitete in der Fernsehabteilung, auch "Fernsehinstitut Arnstadt" genannt.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die sowjetische Werkleitung für die gesamte Organisation von Material und Werkzeugen verantwortlich war, das Fernsehgerät selbst aber von den Fachleuten der Tannwalder Fernseh A.G. in Zusammenarbeit mit den Arnstädter Siemens - Ingenieuren entwickelt wurde. Das Verhältnis der Beschäftigten der Fernsehabteilung zur sowjetischen Betriebsleitung wurde als gut bezeichnet.

Im April 1948 begann die zweite Demontage. Das Werk wurde bis zum Juli 1948 geräumt. Alle Gerätschaften und Maschinen einschließlich sämtlicher Fernsehgeräte, wurden nach Leningrad zur Errichtung eines neuen Fernsehgerätewerkes gebracht.

Der erste deutsche Fernseher der Nachkriegszeit

Der Fernsehempfänger EFu T1 aus dem Thüringischen Arnstadt.
Der Fernsehempfänger EFu T1 aus dem Thüringischen Arnstadt. Gebaut 1947 - 1948

Ein Angehöriger der damaligen Fernsehentwicklungsabteilung erhielt als Anerkennung für gute Entwicklungsarbeit an den Kippgeräten von der sowjetischen Betriebsleitung eine komplette Gerätedokumentation. Sonst existieren vermutlich keinerlei weitere Zeugnisse dieser Geheimentwicklung der sowjetischen Besatzer.

Eventuell waren die Entwicklungsarbeiten zum EFu T1 zugleich die Entwicklungsgrundlage des später im Sachsenwerk Radeberg gefertigten "Leningrad T2", worauf dessen Typenbezeichnung "T2" hindeuten könnte.

Mit Sicherheit ist aber der Efu T1 der erste nach dem Krieg auf deutschem Boden entwickelte und produzierte Fernsehempfänger.

Technische Daten des Fernseh - Tischgerätes EFu T1

Hersteller Siemens- Radio, SAG Isolator, Arnstadt
Baujahr 1947
Bildröhre RB 3: 20 x 15 cm / RB 4: 22,8 x 17,1 cm
Zeilenzahl 441 bzw. 625
Bildwechsel 50 Halbbilder / s
Frequenzbereich UKW 56,25 MHz Tonträger, 49,75 MHz Bildträger
Empfindlichkeit 200 mV
Bild Zf 16 - 18,5 MHz
Ton Zf 12,75 MHz
Videobandbreite 2,5 MHz
Röhrenzahl 20 + Bildröhre
Abmessungen [B x H x T] 71 x 44,5 x 40 cm
Gewicht 50 kg
Leistungsaufnahme 300 W
Preis Unbekannt